Jörg Rieger: Der Konsumismus ist nicht das Problem

Die ökonomischen und ökologischen Katastrophen unserer Zeit werden gerne auf den „Konsumismus” und auf das zurückgeführt, was man gemeinhin „Materialismus” nennt. Diese Vorwürfe basieren auf der Annahme, dass Menschen immer mehr haben wollen und dass diese Wünsche irgendwie zu ökonomischer Ungleichheit und ökologischer Zerstörung führen. Die Vorwürfe des Konsumismus und Materialismus übersehen zwei grundlegende Probleme.

Trotz der verbreiteten Annahme, dass die Menschen immer mehr haben wollen, kann die Bereitschaft, immer mehr zu konsumieren, selbst in der sogenannten Konsumgesellschaft nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden. Die Werbeindustrie lebt von der Notwendigkeit, die Konsumbereitschaft und die Wünsche, die sie antreiben, unablässig zu befeuern.

Zweitens richtet sich der sogenannte Materialismus in letzter Konsequenz nicht auf materielle Dinge. Die Dinge, die wir konsumieren, versprechen uns wesentlich mehr, denn die Werbung lenkt unseren Blick nicht auf Materielles, sondern auf Höheres: Man erwartet, dass der Kauf bestimmter Dinge Glück und Erfüllung bringt.

Ralph Glasser, der ein Buch zu diesem Thema verfasst hat, bringt auf den Punkt, was Wirtschaftswissenschaftler und Theologen gerne übersehen. Glasser spricht lieber über Wünsche als über Nachfrage, weil „Nachfrage im Wirtschaftsleben keine ausgemachte Tatsache ist wie beispielsweise ein Fluss, sondern das Ergebnis latenter Wünsche, Träume und Bestrebungen, die man schüren kann oder nicht.

Die herrschenden ökonomischen Interessen versuchen, an die tiefsten Schichten unseres Menschseins heranzukommen, die wir selbst nicht kontrollieren können, und unsere geheimsten Wünsche umzuformen. Tag für Tag sind wir geschätzten 300 bis 3000 Werbungen ausgesetzt, deren Botschaften darauf abzielen, unsere unbewussten Wünsche zu formen und Identität zu erzeugen. „Branding” nennt man das im Werbejargon – Theologen würden vielleicht von „Initiation” sprechen.

Die Menschen werden in einem solchen Maß zum Konsum verlockt, dass ihre ganze Identität neu gestaltet wird. In Anbetracht des bisher Gesagten kann die angemessene Reaktion nicht darin bestehen, weniger materialistisch und dafür spiritueller zu werden – so als wäre der spirituelle Bereich sicherer und weniger von den herrschenden ökonomischen Interessen des Kapitalismus beeinflusst als die materielle Welt. Wir brauchen einen anderen Materialismus und eine andere Spiritualität. Die religiösen Traditionen des Christentums mit ihren jüdischen Wurzeln könnten bei diesem Prozess eine Hilfe sein, weil sie sich weigern, das Materielle und das Spirituelle gegeneinander auszuspielen.

Religion, Arbeit und widerständige Wünsche

Der Ökonom Galbraith erinnert uns daran, dass eine wachsende Produktion, die eine Steigerung der Bedürfnisse und Wünsche verlangt, eine Gesellschaft nicht zwangsläufig besser macht. Ab einem bestimmten Punkt, so schreibt er, trägt die Produktion einer immer größeren Menge von Waren und Bedürfnissen nicht mehr zu größerem Wohlstand bei.

Der erste Schritt hin zur Weckung alternativer Bedürfnisse und Wünsche, die widerständig sein können, besteht folglich darin, sich wieder auf das zu besinnen, was die Menschen wirklich benötigen.

Der Historiker Peter Stearns schreibt, dass „es für die Armen nicht um Konsum geht, sondern darum, sich um einen ausreichenden Lebensunterhalt zu bemühen”. Diese Frage, so merkt er an, treibt viele Menschen auf der ganzen Welt um – darunter auch 13 Millionen Kinder in den Vereinigten Staaten, die unterhalb der Armutsgrenze leben und deren Zahl wächst.

Eine wichtige theologische Implikation von Gottes sozialer Verortung in der Welt der Arbeit ist die, dass Mose, Jesus, Petrus, Paulus, Maria und andere religiöse Führungsgestalten die Perspektive der arbeitenden Bevölkerung geteilt haben und deshalb besser sehen konnten, was vor sich ging und wo die eigentlichen Probleme lagen. Das Erbe Jesu ist nicht ohne seine Solidarität mit den Arbeiterinnen und Arbeitern seiner eigenen Zeit zu begreifen.

Wenn wir der Schaffung alternativer Bedürfnisse und Wünsche noch weiter auf den Grund gehen wollen, müssen wir die zentrale Rolle der Arbeiter in der Produktion – der Produktion von Gütern, Ideen oder Dienstleistungen – berücksichtigen. Ebendies lässt die Mainstream-Ökonomie wohl am schmerzlichsten vermissen, die immer nur die Kreativität der Firmenchefs und anderer Manager hervorhebt, die Beiträge der Arbeitnehmer aber nie angemessen würdigt.

 

Schlussfolgerungen

Wenn wir über eine nur oberflächliche Kritik des Konsumismus (und damit auch des Kapitalismus) hinausgehen wollen, dann müssen wir vor allem eines bedenken: dass Wünsche sich nicht so ohne weiteres verändern lassen und dass die systemübliche Reaktionsweise, nämlich zu moralisieren und zu predigen, uns nicht weiterbringt. Alternative Wünsche entstehen unter dem Druck der Lebenserfahrungen und in Bezug auf eine Produktion, bei der Gott selbst am Werk ist. Gleichwohl müssen auch solche alternativen Wünsche organisiert werden.

Eine solche Verwandlung der Wünsche, bei der wir die vielen Schichten des ökonomischen Status quo zu durchdringen beginnen, steht am Anfang eines Wandlungsprozesses, der alternativen Werten und Lebensweisen Raum gibt, die sich der Kontrolle des kapitalistischen Lifestyles entziehen.

 

Der vollständige Artikel ist erschienen in CONCILIUM – Internationale Zeitschrift für Theologie, Heft 4/2014: „Christentum, Konsum und Markt“ 

Autor: Prof. Dr. Jörg Rieger

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